645606 VU Kultur und Geschichtlichkeit: DIY! Zum kulturanalytischen Nachdenken über Selbermachen als Praxis, Kritik und Gegenwartsdiagnose
Wintersemester 2021/2022 | Stand: 21.11.2022 | LV auf Merkliste setzen- Die Studierenden befassen sich mit verschiedenen Praxisfeldern und Diskursen rund um Selbermachen/Do-it-yourself in der Gegenwart.
- Die Studierenden kennen die zu verschiedenen Feldern des DIY bereits vorgelegten empirisch-kulturanalytischer Untersuchungen aus der Perspektive der Europäischen Ethnologie/EKW/Volkskunde.
- Die Studierenden befragen in empirischen Sondierungen ganz generell Selbstdeutungen, Diskurse und Aufmerksamkeitskonjunkturen des Selbermachens, wobei auch die ökonomischen Aspekte dieses Tuns einbezogen sowie auf die vieldeutigen Verwertungslogiken des "Mach-es-selber" eingegangen wird.
In Covid-Zeiten avancierte das selbstgemachte Sauerteig-Brot zum heimlichen Star: Das Herumtüfteln an Teigrezepten, das Austauschen von Starter-Kulturen und der mehrtägige Produktionsprozess bis zum fertigen Brot wurden zu von vielen Menschen geteilte Selbermach-Tätigkeiten in der durch Pandemie, Lockdown oder Quarantäne bedingten neuen Häuslichkeit: Das Selbermachen erlebte als Tätigkeit nach/neben dem Homeoffice eine ungekannte Konjunktur.
Mit dieser Selbermach-Konjunktur wird eine grundsätzliche Ambivalenz des Do-it-yourself/Selbermachens sichtbar: einerseits erlebt es in vielfältigen alltäglichen Praktiken seit der Jahrtausendwende einen offensichtlichen aktuellen Boom, andererseits ist Do-it-yourself seit Mitte der 1970er-Jahre immer auch geprägt von gesellschaftskritischen Motivlagen. Dieser "Imperativ" des "Mach-es-selber" ist dabei eine zentrale Praxis auf der Suche nach "Alternativen", nach politischen Utopien und nach einer anderen Zukunft. Ein solches Tun ist geprägt von Kreativitätsimperativ und von einer deutlichen Betonung des spielerischen Aneignens. Allerdings war und ist Selbermachen auch stets eine weitverbreitete (und manchmal durchaus "eigenbrötlerische") Alltags-Praxis von Subsistenz/Knappheit, Reparatur, Heimwerken und ästhetischer Selbstbestimmung. Dabei ist sie fern von utopisch-politischer Aufladung mit Bedeutungsebenen und -erzählungen.
Zielführend für eine europäisch-ethnologische Annäherung an dieses alltagskulturelle Phänomen erweist sich also eine analytisch deutungsoffene Position, die sowohl betont utopisch-politische Projekte, wie auch für eine (vermeintlich unpolitische) Faszination für vielfältige Formen von "Handwerk" und für das autodidaktische Aneignen von Fähigkeiten in den Blick nimmt. Die Lehrveranstaltung strebt einen solchen erkundend-verstehenden Zugang zu einem vielfältigen Phänomen der Gegenwart an.
Lektüre und Diskussionen ausgewählter Texte (deutsch und englisch), Gruppen- bzw. Teamarbeit, mündliche Präsentation, Inputs, schriftliche Ausarbeitung von Konzept und schriftlicher Arbeit.
Kombiniert: mündlich (Diskussionen und Input) und schriftlich (schriftliche Arbeit)
1. Lehrveranstaltungsbegleitend: Vorbereitung der Lektüre, aktive Teilnahme an den Diskussionen, mündliche Inputpräsentation zu zwei Texten.
2. Recherche und schriftliche Ausarbeitung einer eigenständigen Forschungsarbeit
Ein erfolgreiches Bestehen der Lehrveranstaltung bedingt ein mindestens genügendes Erbringen beider Studienleistungen.
Wird bekanntgegeben, als Einführung lesenwert:
Langreiter, Nikola; Löffler, Klara (Hg.): Selber machen. Diskurse und Praktiken des "Do-it-yourself", Bielefeld 2017.
Hilsberg, Pia-Marie: Echt selbstgemacht. Authentizität als ästhetische Erfahrung, Tübingen 2021
- SDG 8 - Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum: Dauerhaftes, breitenwirksames und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle fördern
- SDG 9 - Industrie, Innovation und Infrastruktur: Eine widerstandsfähige Infrastruktur aufbauen, breitenwirksame und nachhaltige Industrialisierung fördern und Innovationen unterstützen
- SDG 11 - Nachhaltige Städte und Gemeinden: Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig gestalten
- SDG 12 - Verantwortungsvolle Konsum- und Produktionsmuster: Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen